Das Blatt war perfekt. Es war weiß wie Schnee und glatt wie ein ruhiger Teich. Die Farben waren unaufgeregt; ein kleinlicher Kritiker hätte sie als wohl als blass abgetan; ich empfand jedoch, gerade dies würde dem Dokument eine gewisse Seriosität verleihen. Die Zeit, in der ich 2003 Word-Art-Effekte als cool beschrieben hatte, war lange passé. Kurz fragte ich mich, ob das Dokument in schwarz-weiß nicht noch besser aussehen würde. Keine Graustufen (versteht sich), nur ein tiefes Schwarz, das sich vom weißen Papier hervorheben würde.

Jetzt wo ich so darüber nachdachte wurde mir bewusst, dass dieses Schwarz auch die Kopfzeile einfärben würde. Dort befand sich mein Name, eine meiner E-Mail-Adressen und die Seitenzahl. (Wobei ich diese Zahl wohl eher als Index bezeichnet hätte.) Auf die E-Mail-Adresse war ich besonders stolz. Aus gerade mal neun Zeichen setzte sich die Adresse zusammen, das war im Jahr 2016 durchaus etwas, mit dem man angeben konnte. So stellte ich es mir zumindest vor. Ich stellte mir Vieles dieser Art vor. Stunden hatte ich damit verbracht, mir zu überlegen wie ich meinen Namen, die Adresse und die Seitenzahl voneinander trennen sollte. Minuten, ob ich diese Syntax nun niederschreiben sollte.

Wie perfekt dieses Dokument auch war – und das war es – es fehlte die Beschriftung, welcher Übungsgruppe es angehörte. Diese Information war zum Zeitpunkt des Drucks noch nicht verfügbar gewesen. Daher musste ich diese Beschriftung nun nachträglich auftragen. Von Hand. Dem sah ich mich durchaus gewachsen; gerade mein Besitz eines edlen Schreibers erleichterte mir das Gewissen, ein derart perfektes Dokument zu verschmutzen. Ich wusste, diese Aufgabe würde mir bevorstehen. Am nächsten Tag müsste ich das Dokument einhändigen. Gruppe 4, dies waren die zwei Wörter die ich noch zu Papier bringen musste. Glücklicherweise war der Schreibe außer Reichweite; das Anrichten des Schadens konnte somit auf Zukunft-ich verschoben werden.

Zukunft-ich ist ein toller Kerl. Er ist stets bereit Aufgaben zu übernehmen, die Gegenwart-ich nicht interessierten. Gruppe 4 auf ein Blatt Papier schreiben? Darüber kann Zukunft-ich nur lachen. Er hatte schon ganz andere Aufgaben zu erledigen! Er hat noch ganz andere Aufgaben zu erledigen. Zukunft-ich ist toll.

Das Blatt, perfekt wie es war, lag in einer transparenten L-Hülle. Diese Hülle war dicker und resistenter, als man es von normalen L-Hüllen kennt. Sie hatte sogar, das ließ sich Leitz nicht nehmen mit einem Aufdruck zu betonen, eine Einreißgeschützte Ecke. Rechts unten befand sich dieser Aufdruck. Als wären die freundlichen, weißen Buchstaben nicht genug, sah sich Leitz anscheinend genötigt, die Botschaft mit einem weißen Pfeil zu versehen, welcher in eben jene rechte untere Ecke zeigte. Tatsächlich fühlte sich diese Ecke sehr stabil an, das kann nicht jede L-Hüllen Ecke von sich sagen! Es gab mir Zuversicht, mein perfektes Dokument würde es heil bis in den Briefkasten der Universität schaffen.